Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Reiner Hartmann

Kurt S. Szafranski – vier Leben

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 160, 2021

 

Bildredakteure werden im fotografischen Ausstellungsbetrieb und in zugehörigen Katalogen auch heute oft zu Unrecht kaum erwähnt. Ihre Rolle wird vom breiten Publikum weniger auf dem künstlerischen Feld, denn mehr auf der unternehmerischen Seite der Bildveröffentlichung verortet. Annette Vowinckel stellt die Bildredakteure als „Intellektuelle, Mentoren und Kommunikatoren“ bewusst überspitzt den zu „Autodidakten, Moralisten und Netzwerkern“ neigenden Fotografen an die Seite.[1] Einen in diesem Sinne besonderen Beitrag in der Pioniergeschichte des Bildjournalismus leisteten Kurt Szafranski und Kurt Korff, deren Namen zwar in der Journalismusforschung oft genannt werden, deren Spuren jedoch infolge mangelnder Dokumentation, Zerstörung der Archive und schließlich Auswanderung stark verwischt sind. Während Korff bereits 1938 im amerikanischen Exil starb, lebte Szafranski über 50 Jahre die Synthese aus Künstler und Unternehmer im Dienst des Bildes.

Die Ausstellung des Princeton University Art Museums,„Life Magazine and the Power of Photography” (22. Februar bis 21. Juni 2020), fügte dem Leben von Kurt Szafranski wieder ein Puzzleteil hinzu. In dieser Schau wurden zum ersten Mal die handgemachten Zeitschriftendummys von Kurt S. Szafranski gezeigt, die seine kreative Arbeit an der Entstehung des Bildmagazins Life belegen. „Die Leistung des Bildberichterstatters ist in vielen Fällen nichts anderes als die Antwort auf Fragen und Forderungen, die von vorwärtsblickenden Redakteuren gestellt werden.“[2]  Die Einbeziehung dieser „vorwärtsblickenden Redakteure“, das Verständnis ihrer Biografie, ihrer Netzwerke und ihres Zugangs können den Bildjournalismus noch spannender machen.

Kurt Stephan Szafranski kam am 17. Oktober 1890 als dritter Sohn einer jüdischen Fabrikantenfamilie in Berlin zur Welt.[3] Vater Hermann starb 1909.[4]  Mutter Anna, geb. Aaron, emigrierte 1936 über New York zu ihrem zweiten Sohn Ernst nach San Francisco und nahm den Namen Safran an. Sie starb am 28. Sept. 1956 als amerikanische Staatsbürgerin.[5] Der erstgeborene Bruno David Szafranski studierte Ingenieurwesen. Bruno konnte noch 1938 aus Deutschland fliehen und war unter dem Namen Safran als Handelskaufmann tätig, verzog nach Niagara Falls, Indiana, wo er am 10. Feb. 1950 starb.[6]  Der zweitgeborene Ernst, später Ernest Safran, emigrierte bereits 1909 nach San Francisco. Er kam als Künstler, ergriff aber 1920 eine Chance als Automobilverkäufer. Ernest starb am 12. Dezember 1972 in San Francisco.[7]

Kurt Szafranski besuchte verschiedene Berliner Schulen bis zum Abitur. Um 1908 schrieb er sich als Student an der Berliner Kunsthochschule ein. Er wurde Schüler von Lucian Bernhard, der seine Plakat- und Illustrierkunst erkennbar prägte.[8] Er erlernte ähnliche flächige Wirkungen, den Umgang mit gedämpften Farbtönen, übernahm die Klarheit, mit der die Grundstruktur komplizierter Zusammenhänge vereinfacht wurde, und erzielte wie sein Lehrmeister eine eigene Kennzeichnung seiner Arbeiten. Szafranski bestach schon früh durch eine dem Menschen zugewandte, gewinnende Beobachtungsgabe und eine treffende Karikatur. Er erwarb ein unverkrampftes Verhältnis zu Kunst und Werbung, welches ihm spätere unternehmerische Entscheidungen leichter machte.

In der Studienzeit lernte Szafranski den gleichaltrigen Kurt Tucholsky kennen. Tucholsky neckte ihn mit dem Spitznamen „Dicker“, der ihn sein Leben lang begleiten sollte. Aber er wies dem Freund auch früh den Weg in die Verlage. Beide arbeiteten für die Ullstein’sche Vossische Zeitung und die Satirezeitung Ulk aus dem Verlag Rudolf Mosse. Szafranski konnte erste Illustrationen platzieren. 1911 besuchten die Freunde den Schriftsteller Max Brod in Prag. Am 30. September berichtete Brod von einer Begegnung mit Franz Kafka.[9]

1911 – 1923: Plakat-, Werbegrafiker und Buchillustrator

Ab 1911 arbeitete Szafranski als junger Plakat- und Werbegrafiker für den eben gegründeten Verlag Reklamekunst Hans Lindenstaedt. Er wurde Mitglied im „Verein Deutscher Plakatfreunde“. 1912 illustrierte Kurt Szafranski Tucholskys Erzählung Rheinsberg mit großem Erfolg. Als der vorweihnachtliche Buchverkauf für den Axel Juncker Verlag zunächst noch schleppend anlief, eröffneten die Freunde kurzzeitig eine „Bücherbar“ am Berliner Kurfürstendamm 11.[10] 1913 gründeten sie im Kurt Wolff Verlag, Leipzig, das Literaturprojekt „Orion – ein Jahreskreis in Briefen“ mit faksimilierten Briefen bekannter Autoren. Der kommende Krieg machte jedoch das Vorhaben zunichte.[11] In der Zeitschrift Das Plakat (später: Gebrauchsgraphik) von 1913 charakterisierte Wilhelm Miessner den jungen Künstler als einen erstaunlich gereiften „Berliner Jungen“ und als einen mit Humor gesegneten Illustrator, dem eine große Zukunft bevorstehe. Szafranski gewann Plakatwettbewerbe und illustrierte bis 1923 weiterhin Bücher u.a. aus den Berliner Verlagen Axel Juncker, J. Ladyschnikow, Erich Reiss und Ullstein.[12]

1913 – 1934: Ullstein Verlag – vom künstlerischen Beirat zum Zeitschriftendirektor

Zeitnah zum Kriegsausbruch heiratete Kurt Szafranski am 2. August 1914 die Sekretärin Minna (später: Mania) Welkanoz, geboren am 19. Januar 1891, Tochter eines Berliner Kaufmanns aus Berlin-Wilmersdorf.[13]  Am 7. Januar 1922 wurde Tochter Anna Katharina geboren.[14] Im Jahr 1913 berief Hermann Ullstein, der den Geschäftsbereich der Zeitschriften im Ullstein Verlag leitete, den 23-jährigen Szafranski als künstlerischen Beirat in das Unternehmen.[15] Die Einarbeitung in das Redaktionsteam durch den Chefredakteur der Berliner Illustrirten Zeitung Kurt Korff und die Zusammenarbeit mit dem zweiten künstlerischen Beirat Karl Schnebel lief so ausgezeichnet, daß Szafranski nach zehn Jahren stetigen Wachstums im Jahr 1924 „Zeitschriftendirektor“ der Ullstein-Magazine wurde. Er verantwortete die Zeitschriften und Magazine Berliner Illustrirte Zeitung, Das Blatt der Hausfrau, Uhu, Der Querschnitt, Die Dame, Zeitbilder und Koralle am größten Zeitungsplatz der Welt. Der Korff’schen Diktion des „Starsystems“ folgend, schloss er Verträge mit den bekanntesten und besten Autoren (z.B. Vicki Baum, Norbert Jacques, Felix Hollaender, Arthur Schnitzler, Georg Hermann, Thomas Mann, Arnold Zweig),  Fotografen (z.B. Mario von Bucovich, James Abbé, Dr. Erich Salomon, Wolfgang Weber, Emil Otto Hoppé, Lotte Jacobi, Sasha Stone, Germaine Krull), Zeichnern und Agenturen.[16]  

Wie die Direktorenarbeit detailliert aussah, welche Vorgaben er bei Titeln, Themenwahl, Beauftragung etc. machte, ob er Redaktionssitzungen selbst beiwohnte oder die Layouts der Magazine vor jedem Druck abnahm, ist leider nicht überliefert. Wie in anderen Verlagen waren die Kernredaktionen der Ullstein’schen Zeitschriften trotz der hohen Auflagen klein. 1927 nennt Chefredakteur Korff für die Mitarbeit in der BIZ-Redaktion Dr. Georg Fröschl (Nachrichten), Ludwig Reve und Vicki Baum (Feuilleton) sowie Karl Schnebel (Layout). Zum erweiterten Mitarbeiterkreis gehörten die Journalisten, Illustratoren, Fotografen, Retuscheure und weitere Beiräte. Die Texte kamen oft von den Tageszeitungsredaktionen oder von Gastautoren. Mit dem von Korff und Safranski propagierten Credo vom Sieg des Bildes über den Text standen die zugelieferten Einzelbilder und Reportagen im Mittelpunkt der Tagesarbeit. Karl Schnebel war dabei der verlängerte Arm des frühen „Art Directors“Szafranski.Das Springer-Unternehmensarchiv kann heute leider nur noch auf wenige Arbeitsdokumente dieser Zeit zurückgreifen, da im Jahr 1945 Teile des Unternehmensarchivs in der Kochstraße durch Bombeneinwirkung zerstört wurden.

Szafranski berief auch seinen Freund Kurt Tucholsky in die Konzeptredaktion des 1924 neu gegründeten Monatsmagazins Uhu. Sie standen mit ihren Pseudonymen Theobald Tiger und Peter Pfeffer im Impressum.[17] 1928 ging die Freundschaft zwischen Kurt Szafranski und Kurt Tucholsky allerdings zu Bruch. Gemeinsam mit Kurt Korff stellte Szafranski Tucholsky aufgrund von dessen öffentlichen Anfeindungen gegen die großen Pressehäuser in der kommunistischen Arbeiter-Illustrierten-Zeitung zur Rede. Eine gleichzeitige Zusammenarbeit mit Ullstein schien nicht mehr tragbar.[18] Im Jahr 1925 ließ sich Szafranski von dem Architekten Heinrich Straumer ein „Landhaus“ in der Klopstockstr. 15A in Berlin Zehlendorf errichten.  Ihre Erinnerungen an das Haus am Grunewald inspirierten seine Tochter Tina Fredericks später zum Bau ihres „Hampton-House“.[19]

1933 – 1934: Widerstand, Bedrohung und Vertreibung

Kurt Szafranski und Kurt Korff vertraten wie die Ullstein-Brüder eine liberale politische Haltung. Kritiker warfen dem Pressehaus einen „Konformismus der Mitte“ vor.[20] Mit der Machtergreifung offenbarte sich bei Ullstein eine nationalsozialistische, antisemitische „Betriebszelle“. Es kam zu spontanen Agitationen, die unter anderem auch danach trachteten, den jüdischen Zeitschriftendirektor aus dem Fenster zu stürzen und alle jüdischen Mitarbeiter zu vertreiben.[21]

In Sonderheften berichtete die Berliner Illustrirte Zeitung vom 21. März 1933 „Die Staatsfeierlichkeiten zur Reichstagseröffnung“ und vom 1. Mai 1933 „Der Tag der nationalen Arbeit“. In einem Akt von subtilem Widerstand ließen Szafranski und Korff die Bildstrecken zum Triumph der Nazis vom jüdischen Fotografen Martin Munkacsi fotografieren. Unter der wachsenden Bedrohung verließ Kurt Korff Berlin im April in Richtung Wien. Am 1. Juli 1933 mussten schließlich alle jüdischen Redakteure Ullstein verlassen. Im Oktober 1933 besiegelte das Schriftleitergesetz das generelle Beschäftigungsverbot. Ein letztes Mal stellte Szafranski seinen politischen Scharfsinn und seinen Mut zum Widerstand im März 1934 unter Beweis. Er lehnte den Wunsch von Hermann Goering, dessen Fliegererinnerungen in der BIZ zu veröffentlichen, in der Redaktionssitzung ab. Die Geschäftsleitung überstimmte ihn. Wenig später wurde die teilweise schon gedruckte und ausgelieferte Auflage von Joseph Goebbels gestoppt, der den Alleingang seines Rivalen unterbinden wollte.[22] Im Juni wurde der Zwangsverkauf des Ullstein-Verlages vollzogen.

Kurt und Minna Szafranski hatten Tochter Tina bereits 1933 auf ein Internat nach England geschickt. Im Herbst 1933 soll es in London zu Kontakten mit den amerikanischen Pressemanagern Richard E. Berlin und Tom White von der Hearst Cooperation gekommen sein. Eingefädelt wurde der Kontakt über einen Bittbrief der schon 1931 ausgewanderten Journalistin Rosie von Gräfenberg, die zuvor eine kurze Ehe mit Franz Ullstein geführt hatte. William Randolph Hearst verfolgte den europäischen Pressemarkt und dessen Macher aufmerksam.[23] Szafranski und Korff hatten in Bildreportagen über den legendären amerikanischen Pressemann berichten lassen.[24] Hearst besuchte im August 1934 die Jubiläumsfestspiele in Oberammergau und seine Mitarbeiter warben Szafranski und Korff erfolgreich als Berater an.

1934 – 1935: Berater und Gründer: Hearst Co, Time Inc, Black Star

Am 30. September 1934 erreichte Kurt Szafranski an Bord der St. Louis über Irland den Hafen von New York. Kurt Korff kam am 2. November 1934 vermutlich aus Wien hinzu.Minna und Tina Szafranski reisten am 23. Dezember nach. Im Zuge der Einreise vereinfachte Szafranski seinen Namen auf Safranski.[25] Der erste Fotograf der BIZ, Martin Munkacsi, hielt sich bereits seit Mai 1934 in Amerika auf. Das in Deutschland so erfolgreiche Team Safranski, Korff und Munkacsi legte im Dezember einen ersten Zeitschriften-Dummy vor. Hearst sei begeistert gewesen, soll jedoch nach wirtschaftlichen Abwägungen zurückgezogen haben.[26] Safranski und Munkacsi sollen zu Beginn 1935 das Hearst Magazin Town and Country für einen Relaunch beraten haben. Safranski reiste am 10. Februar 1935 noch einmal über England nach Berlin. Auch Korff kam im März hinzu. Beide warben unter den bis dahin erfolgreichsten deutsch-jüdischen Fotografen für ihre Pläne in Amerika. Safranski überzeugte seinen Freund Ernst Mayer von der Bildagentur Mauritius mit der Aussicht auf eine neue Bildagentur in New York. Auch der Verleger Kurt Kornfeld, der u.a. Zeitschriftenromane vertrieb, entschloss sich infolge der nationalsozialistischen Repression zur Ausreise.[27]

Kurt Safranski entsendete Kurt Korff zu Henry Robinson Luce, Time Inc. Korff präsentierte in Luces Experimental Department den Zeitschriftendummy seines ehemaligen Zeitschriftendirektors. Die Konzeptgruppe um die Time-Redakteure Daniel Longwell und Joseph Thorndike erkannte das Potential. Korff überbrachte die Erfahrungen der Berliner Redaktion.[28] Seine Essential Outlines interpretieren auf pragmatische Weise die Kunst des Magazinmachens im Dreiklang von Fotograf, Redakteur und Layouter (Munkacsi/Korff/Safranski). Die Geburt von Life, dem wohl erfolgreichsten Magazin aller Zeiten, erfolgte über drei Testhefte für Werbekunden im Frühjahr/Sommer 1936 bis zum Heft 1, das im Oktober erschien.

Die Geschichte von Life wurde oft erzählt.  Nahezu alle Texte, die sich mit der Bedeutung von Korff und Szafranski im amerikanischen Bildjournalismus befassten, bezogen sich auf die 1984 bzw. 1986 verfassten Vortragsskripte von C. Zoe Smith, die heute an der Missouri School of Journalism lehrt. Briefe, Memos, ein reproduzierter Zeitschriftendummy von 1956 aus dem Time Archiv und die Erinnerungen der Publizisten Robert T. Elson und Loudon Wainwright ergänzten die Interviews von Smith. Mit der Entdeckung der zwei handgemachten Zeitschriftendummys im Nachlass des verstorbenen Fotografen und Sammlers Robert Lebeck aus dem Jahr 2018 und der Schenkung durch das Archiv Robert Lebeck im Jahr 2019 wurde nun ein wichtiger Teil seines Lebenswerkes am Ryerson Image Centre, Toronto, mit der dort verwahrten Black-Star Collection zusammengeführt und gibt die Chance zu einer Neubewertung. Diese Dummys zeigen die Kreativarbeit des Art-Directors: zu Layouts geschnittene Silber-Gelatine-Abzüge, Coverentwürfe, Handzeichnungen und -beschriftungen.[29] 

Die Essential Outlines sind in reale Zeitschriftenmuster umgesetzt. Die Dummies zeigen, was sich Szafranski aus der Summe seiner Erfahrungen für ein neues Bildmagazin vorstellte: ein kurzer Titel, Hefte wie eine Zeitchronik, Bilder erzählen die Geschichten, Redakteure denken und handeln wie Filmregisseure, Fotos und Zeichnungen für den „special illustrated mix“, ganzseitige Cover, Retuscheure im Redaktionsteam, große Reiseberichte, kleine Tiergeschichten, „less posing-more action“ in der Mode- und Porträtfotografie, das Starsystem, in den Dummys repräsentiert durch M. Munkacsi, Sequencies, Juxtapositions, Picture Stories und Photo Essays, Positionen der Neuen Sachlichkeit und des Neuen Sehens, „Salomonesque“ Fotografie, platzierte Skandale, Werbung im Mittelteil, niedriger Verkaufspreis, hohe Auflagen, eine unabhängige Vertriebsorganisation und modernste Drucktechnik.[30] Safranski verewigte sich u.a. mit seiner Idee der Rubrik „The Speaking Of Pictures“, die später in jeder Life-Ausgabe besonders aussagekräftige Bildstrecken zeigte.  Safranski und Korff erhielten großzügige Honorare, jedoch keine Stellenangebote.[31]

Bereits im Dezember 1935 gründeten Szafranski, Kornfeld und Mayer die Bildagentur „Black Star“. Sie bezogen ihr Büro zu Beginn 1936 im Graybar Building, 420 Lexington Avenue.  Es war Kurt Safranski, der in einer Druckerei in den Setzkasten schaute und den schwarzen Stern als Namen und als Logo des neuen Unternehmens wählte. Viele aus Europa emigrierte Fotografen begannen ihre Laufbahn bei Black Star, u.a. Fritz Goro, Kurt Severin, Wolfgang Weber, Fritz Henle, Victor dePalma, Herbert Gehr, David „Chim“ Seymour, Francis C. Fürst, Werner Wolf. Etwas später folgten Andreas Feininger, Walter Sanders (Süssmann), Dr. Paul Wolff, Philippe Halsman, Ernst Haas, Ralph Crane, Robert Capa und viele mehr. Die Laborarbeiten übernahm Leco’s Photo Service, dessen Inhaber, die Fotografen Leo Cohn und David Seymour, Safranski aus Berlin kannte. „Black Star“ wurde neben der zweiten von Emigranten gegründeten Agentur, Pix Publishing, der wichtigste Lieferant für Bilder und Reportagen für die Zeitschrift Life. Black Star belieferte nachrangig auch die Redaktionen von Look, Saturday Evening Post, Colliers, Newsweek und Parade, aber auch Tageszeitungen, Buchverlage und große Industrie- und Werbekunden (z.B. Texaco und Esso).[32] Im März 1941 erhielt die Familie Safranski die amerikanische Staatsbürgerschaft. Im April 1942 wurde Kurt Safranski als Pressekoordinator ins Kriegsministerium, Abteilung für Veröffentlichungen, berufen. „Black Star“ wurde einer Sicherheitsüberprüfung unterzogen. Safranski wurde als geeignet eingestuft, man verzichtete jedoch ab Dezember 1943 auf seine Verpflichtung.[33]

Neben den kontaktstarken Kaufleuten Mayer und Kornfeld blieb Kurt Safranski in der Rolle des Kreativen. Smith zitierte Ernest Mayer aus einem Interview im Jahre 1979: „… Safranski war sehr begabt und kenntnisreich, aber sein Ansatz war es, Menschen zu unterrichten, und Amerikaner wollten nicht gern unterrichtet werden. Obwohl er amerikanischen Redakteuren aufgrund seiner wissenschaftlichen, ästhetischen Herangehensweise an die Fotografie viel zu bieten hatte, verbrachte Safranski die meiste Zeit im Büro, weil er mit Redakteuren nicht gut zurechtkam. Er arbeitete mit Fotografen an Ideen für Geschichten und möglichen Ansätzen für eine Vielzahl von Aufträgen und diente in erster Linie als Ideengeber des Unternehmens. Safranski galt auch als talentierter Bildbearbeiter.“[34] Hervorragende Fotoreportagen und Fotoessays in Life, die in den Credits hinter dem Fotografennamen mit B.S. gekennzeichnet wurden, gehen auf diese Zusammenarbeit zurück.

1944 – 1956: New School und Missouri Photo Workshop

„Black Star“ sicherte noch in Europa verbliebenen Fotografen Bildrechte und Honorare zu und versuchte ihnen, wie etwa im Falle von Erich Salomon, zur Emigration zuzureden. 1948 würdigte ihn Safranski posthum in der amerikanischen Zeitschrift Popular Photography.[35] 1940 fasste Safranski seine Erfahrungen als Bilderagent in dem kleinen Ratgeber Selling your Pictures zusammen.[36] In den Jahren 1944 bis 1956 hielt Kurt Safranski in jedem Semester die Vorlesung  „Photography as a medium of mass communication“ und das Seminar „Workshop Pictorial Journalism” in der New School of Social Research, New York, ab.[37] 1951 nahm er als Dozent am Missouri Photo Workshop in Hermann, Missouri, teil, der seit 1949 jährlich die besten Bildredakteure der Vereinigten Staaten versammelt.[38]

1953 Restitution und Rückkehr

Die Treue zum Hause Ullstein hielt er aufrecht. Als Hermann Ullstein 1939 ins Exil nach New York kam, bot Safranski ihm einen Schreibtisch bei „Black Star“ und ein Darlehen an. 1947 sagte er Leopold Ullstein jun. Unterstützung für dessen geplantes Reprint-Magazin World-Opinion zu.[39] Anfang 1953 kam Kurt Safranski schließlich auch noch einmal nach Deutschland. Die Restitution des Ullstein-Verlags wurde 1952 vollzogen.[40] Auch Safranski wurde eine Entschädigung für sein Haus in der Klopstockstraße zugesprochen.[41] Karl Ullstein, der das Erbe seiner Familie im Restitutionsprozess übernahm, wollte die Erfahrung des ehemaligen Zeitschriftendirektors nutzen, um mit einer neuen Sonntagsbeilage auf den Markt zu kommen. Safranski arbeitete in einem Redaktionsteam mit Juergen Neven DuMont und Ulrike Pieper an einem Konzept. Es kam in diesem Jahr auch zu einer Begegnung mit Axel Springer, der die junge Verlegergeneration der Nachkriegszeit repräsentierte. Die Sonntags-Illustrierte wurde aufgrund der dem Hause Ullstein drohenden Finanzierungsschwierigkeiten schnell eingestellt. Springer übernahm den traditionsreichen Verlag. Im Jahre 1957 ging Kurt Safranski im Alter von 67 Jahren bei „Black Star“ in den Ruhestand.

Dr. Wolf Strache, der Herausgeber des deutschen Fotojahrbuches Das Deutsche Lichtbild, bat Kurt Szafranski, für die Ausgabe von 1956 den Aufsatz „Entwicklungsmöglichkeiten der Bildberichterstattung“ zu schreiben.[42] 1957 beteiligte er sich an einem Essay der Zeitschrift Aperture über das Werk von Aaron Siskind.[43] Am 1. März 1964 starb Kurt Safranski im Alter von 73 Jahren im Benedictine Hospital in Kingston, New York. Er hinterließ seine Frau Mania, den Bruder Ernest, seine Tochter Tina Fredericks-Koch und die Enkelinnen Stacey und Devon Fredericks.[44] Tina Fredericks kam 1944 als jüngste Bildredakteurin der Unternehmensgeschichte zum Verlag Condé Nast und hatte in Alexander Liberman einen prominenten Mentor. Stacey und Devon Fredericks, erfolgreiche und prominente Frauen der New Yorker Gesellschaft, überreichten im Jahr 2019 einen Teilnachlass von Safranski’s noch erhaltenen Dokumenten an das Archiv von Springer SE, Berlin.[45]

Wie Tim N. Gidal berichtete, ordnete Safranski selbst die Fotografie mit einem Augenzwinkern ein: „Ihr Fotografen, nun übernehmt Euch nur mal nicht! Ihr ward wichtig, kulturgeschichtlich; geschäftlich aber war es der Roman von Vicky Baum, das Kreuzworträtsel und die Witze von Paul Simmel, die man erst aufgeschlagen hat. Ihr ward eine angenehme Zugabe, die allerdings an Wichtigkeit – vor allem retrospektiv – wuchs, weil sie dokumentarisch die Zeit darstellt. Ihr ward ehrliche Dokumentaristen, und einige unter Euch waren Künstler.“[46] Kurt Safranskis Beiträge zur Werbekunst und zur deutschen und amerikanischen Fotografie sind in Jubiläumsschriften, Fachbeiträgen und Ausstellungskatalogen insbesondere in den Vereinigten Staaten immer wieder erwähnt worden.[47] Es fehlt jedoch bis heute eine Rezeption seines Lebenswerkes insbesondere in seiner Heimat Deutschland.

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[1] Annette Vowinckel: Agenten der Bilder. Fotografisches Handeln im 20. Jahrhundert, Reihe: Visual History. Bilder und Bildpraxen in der Geschichte, Bd. 2, Wallstein Verlag, 2016, S. 55 und S. 109.

[2] Kurt S. Safranski: Entwicklungsmöglichkeiten der Bildberichterstattung, in: Das Deutsche Lichtbild, Jahresschau 1956, hg. von Kurt Strache, Stuttgart, 1957, S. 16.

[3] Landesarchiv Berlin, Geburtsurkunde, Blatt Nr. 905, Standesamt Berlin vom 21. Oktober 1890; Leibniz-Gymnasium (Arbeitsgemeinschaft Spurensuche, Christiane Thies), Berlin, 2006.

[4] Heiratsurkunde Blatt Nr. 34, Standesamt Grevesmühlen vom 21.09.1883; Landesarchiv Berlin, Personenstandsregister Sterberegister; Nr. 98.

[5] Bewerbung um Einbürgerung vom 25.2.1937: Naturalization Records. National Archives at Riverside, Peris, California. San Francisco Area Funeral Home Records, 1895–1985. Microfilm publication, Roll 1129.

[6] Landesarchiv Berlin; Personenstandsregister Geburtsregister; Standesamt Berlin, Urkunden-Nr. 850 vom 4. August 1884; Passenger Lists of Vessels Arriving at New York, New York, 1820–1897, Microfilm Publication M237, 675 rolls, Records of the U.S. Customs Service, Record Group 36. National Archives at Washington, D.C.; NY State Death Index, New York Department of Health, Albany, NY.

[7] Landesarchiv Berlin; Personenstandsregister Geburtsregister; Standesamt Berlin, Urkunden-Nr. 1009 vom 5. Oktober 1885; Bewerbung um Einbürgerung vom 13. Juni 1919: Naturalization Records. National Archives at San Francisco, San Bruno, California, No. 3707; California Death Index, 1940–1997. Sacramento, CA, USA: State of California Department of Health Services, Center for Health Statistics.

[8] Kurt Szafranski von Dr. Wilhelm Miessner, in: Das Plakat. Mitteilungen des Vereins für Plakatfreunde, Bd. 4, 1913, Heft 5, September, S. 193.

[9] Roland Templin, Gabriele Frost (Hg): „ – etwas bleibt immer zurück.“ Kurt Tucholsky 1890–1935 zum 70. Todestag, Kleinmachnow, 2005, S. 5.

[10] Dieter Mayer (Hg.): „Lieber Freund, uns haben sie falsch geboren.“ Kurt Tucholskys Briefe an Walter Hasenklever, Verlag Ille & Riemer, Leipzig-Weissenfels, 2017, S. 132/133.

[11] Kurt-Tucholsky-Literaturmuseum: Orion – ein Jahreskreis in Briefen, 1914: https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=64482 (Zugriff: 15.7.2020).

[12] Miessner, (Anm. 8), S. 194.

[13] Landesarchiv Berlin; Berlin, Deutschland; Personenstandsregister Heiratsregister, Urkunden-Nr. 358

[14] Minna Szafranski, Declaration of Intention, 06.11.1935, The National Archives at Philadelphia; Philadelphia, Pennsylvania; NAI-Titel: Declarations of Intention for Citizenship, 1/19/1842–10/29/1959; NAI-Nummer: 4713410; Records of District Courts of the United States, 1685–2009, Nr. 21.

[15] Hermann Ullstein: Rise and Fall of the House of Ullstein, Simon and Schuster, New York, 1943, S. 89.

[16] Enno Kaufhold: Die Berliner Illustrirte – Synonym des Deutschen Bildjournalismus, in: 125 Jahre Ullstein – Presse und Verlagsgeschichte im Zeichen der Eule, Axel Springer Verlag, Berlin, 2002, S. 42.

[17] Christian Ferber (Hg.): Dick wie ein Buch, gescheit und amüsant, in: Uhu – Das Magazin der 20er Jahre, Ullstein, Berlin 1979, S. 352.

[18] Peter de Mendelsohn: Zeitungsstadt Berlin, Menschen und Mächte in der Geschichte der Deutschen Presse, Ullstein, Berlin, 1959, S. 265.

[19]https://www.stadtentwicklung.berlin.de/denkmal/liste_karte_datenbank/de/denkmaldatenbank/daobj.php?obj_dok_nr=09075792 (Zugriff: 10.8.2020); Lang Phipps: The House That Tina Built, In: EAST – The East Hampton Star Magazine August 1, 2016, S. 80.

[20] Harry Pross: Zeitungsreport – Deutsche Presse im 20. Jahrhundert, Verlag Hermann Böhlhaus Nachfolger, Weimar, 2000, S. 66.

[21] Mendelsohn, (Anm. 18), S. 345ff., S. 353.

[22] Ebenda, S. 364ff.

[23] Louis Pizzitola: Hearst over Hollywood, Power, Passion and Propaganda in the Movies, Columbia University Press, New York, 2002, S. 306.

[24] Dr. Erich Salomon: Berliner Illustrirte Zeitung, Jg. 29, Nr. 29 vom 20.7.30: Der Privatzoo des Zeitungskönigs; Dr. Erich Salomon: Die Dame, Nr. 24 vom 15.8.1930: Als Logiergast auf dem Schloss von W.R. Hearst, Martin Munkacsi: Berliner Illustrirte Zeitung Jg. 43, Nr. 35: Im Märchenschloss des Zeitungskönigs.

[25] Kurt Safranski, Declaration of Intention, 26.3.1935 … Minna Szafranski, Declaration of Intention, 06.11.1935.

[26] Pizzitola, (Anm. 23), S. 306ff.

[27] C. Zoe Smith: The History of Black Star Picture Agency: Life’s European Connection, Paper presented at the Annual Meeting of the Association for Education in Journalism and Mass Communication (67th, Gainesville, FL, August 7, 1984), S. 10 (13)–11 (14).

[28] C. Zoe Smith: Germany’s Kurt Korff: An Emigré Influence on Early Life, in: Journalism Quarterly, Vol. 65, Issue 2, June 1 1988, S. 414-415.

[29] Thierry Gervais: Three Dummies for Life (1934–35), in: Katherine A. Busshard, Kristen Gresh (Hg.): Life Magazine and the Power of Photography, New Haven and London: Yale University Press, 2020, S. 42-45.

[30] Smith, (Anm. 28), S. 417.

[31] Loudon Wainwright: The Great American Magazine, An inside history of Life, Alfred A. Knopf, New York, 1968, S. 73; Thierry Gervais: Making Life Possible, in: Katherine A. Bussard and Kristen Gresh (Hg.): Life Magazine and the Power of Photography, Princeton University Art Museum, Destributed by Yale University Press, New Haven and London, 2020, S. 29-41.

[32] Smith, (Anm. 27), S. 12 (15).

[33] National War Agencies Appropriation Bill for 1945 – Hearings, United States Government Printing Office, Washington 1944, S. 46.

[34] Smith, (Anm. 27), S. 13 (16) f.

[35] Kurt Safranski: Dr. Salomon – The last of the photo pioneers blazed new trails in candid’s primitive days, In: Popular Photography, Vol. 23, Number 2, August 1848, S. 56ff.

[36] Kurt Safranski: Selling your Pictures, Little Technical Library, Ziff-Davis Publishing Company, Chicago - New York, 1940.

[37] School of Philosophy & Liberal Arts: New School Bulletin, Catalogue Number Vol. 2, No.1 September 4, 1944; New School Bulletin, Art 1956–57, Vol. 14 No. 2 September 10, 1956.

[38] Missouri Photo Workshop 3/1951: http://mophotoworkshop.org/year-by-year/mpw3/ (Zugriff: 20.7.2020).

[39] Lars-Broder Keil: „Ich halte solche persönlichen Gefühle für Zeitverschwendung.“ Ungewöhnliche Unterlagen aus dem Nachlass von Kurt Safranski im Unternehmensarchiv der Axel Springer SE, in: Archiv und Wirtschaft, 52 Jg. Heft 3 2019, S. 124.

[40]Der Spiegel, Nr. 4, 23.01.1952: Ullstein – Ein Gott hat uns beschützt, S. 17.

[41] WGA: Verfahren Kurt S. Safranski gegen Erich Tgahrt, in: WGA Datenbank, Aktenzeichen 3 WGA 2960/50.

[42] Safranski, (Anm. 2), S. 11-17.

[43] Kurt Safranski, Henry Holmes Smith, Myron Martin, Walter Chappell und Sam Tung Wu: The Experience of Photographs: 5 Photographs by Aaron Siskind, in: Aperture, 5:3 (1957), S. 112-130.

[44]New York Times, March 2 1964: Kurt Safranski, Ex-Aide with Hearst Magazines.

[45] Springer SE inside Story: Eines Tages war er plötzlich wieder da, vom 26.8.2019, https://www.axelspringer.com/de/inside/eines-tages-war-er-ploetzlich-wieder-da (Zugriff: 19.07.2020)

[46] Tim Nachum Gidal: Araber gegen Juden – das Problem Palästina, in: Anna Auer (Hg.): Fotografie im Gespräch, Dietmar Klinger Verlag, Passau, 2001, S.114.

[47] Museum of Modern Art: The Photo Essay, New York, 1965; Ute Eskildsen, Institut für Auslandsbeziehungen (Hg.): Fotografie in deutschen Zeitschriften 1924–1933, Stuttgart 1982; Bodo von Dewitz, Robert Lebeck (Hg.): KIOSK. Eine Geschichte der Fotoreportage 1839–1973, hg. von Bodo von Dewitz, zusammengestellt von Robert Lebeck, Göttingen 2001; Die Erfindung der Pressefotografie. Aus der Sammlung Ullstein 1894–1945. Ausstellungskatalog Deutsches Historisches Museum, Berlin: Hatje Cantz 2017; Katherine A. Busshard, Kristen Gresh (Hg.): Life Magazine and the Power of Photography, New Haven and London: Yale University Press, 2020.