Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Ute Wrocklage

Täterfotos

Fotografien zum Holocaust und Nationalsozialismus

Tal Bruttmann, Stefan Hördler, Christoph Kreutzmüller: Die fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz, Darmstadt: wbg Academic 2019, mit einem Vorwort von Serge Klarsfeld (übersetzt von Dieter Hornig), 304 S., 355 Abb. in S/W, 26,5 x 26,9 cm, 70 Euro.

Fotos aus Sobibor. Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus, hg. vom Bildungswerk Stanisław Hantz und von der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart, Berlin: Metropol Verlag 2020, mit Texten von Martin Cüppers, Annett Gerhardt, Karin Graf, Steffen Hänschen, Andreas Kahrs, Anne Lepper und Florian Ross, 382 S., Abb. in Farbe und S/W, 22,1 x 23,4 cm, 29 Euro.

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 160, 2021

 

Beide Publikationen befassen sich mit Fotografien aus der Perspektive der Täter. Es sind lang bekannte bzw. neu entdeckte Aufnahmen aus den Vernichtungslagern Auschwitz-Birkenau und Sobibor. Fotografien der Täter spielten in der historischen Forschung viele Jahre keine Rolle, sie wurden – wenn überhaupt – zur Illustration genutzt, nicht als Quellenmaterial. Auch in der Täterforschung, die sich seit den 1990er Jahren zu einem boomenden Teilbereich der Holocaustforschung entwickelt hat, war und ist ein Umgang mit „Täterfotos“ zurückhaltend. Nachdem lange Zeit der typische Täter ein Schreibtischtäter war, ist inzwischen der Blick auf den einzelnen „Täter“ differenzierter geworden. Die „ganz normalen“ und autonom handelnden Männer und Frauen lösten das Bild vom pathologischen Massenmörder und Schreibtischtäter ab. Fragen nach der Motivation, nach Mitgefühl, nach Entstehungsbedingungen für Gewalt nicht nur bei den Akteuren, sondern auch bei den im Hintergrund agierenden Befürwortern, den Profiteuren und den Gleichgültigen werden in den Fokus genommen.[1]

In der Fotografiegeschichte nahmen Dieter Reifarth und Viktoria Schmidt-Linsenhoff sich bereits 1983 der „Kamera der Täter“an und beklagten den allgemein unkritischen Umgang mit den NS-Fotos. Sie versuchten, „die Bilder als Dokumente einer Mentalitätsgeschichte“ zu lesen.[2] Der amerikanischen Historikerin Sybil Milton ging es in ihren Aufsätzen seit 1984 um die Berücksichtigung der Bilder als Dokumente und Quellen, diese in ihrem Entstehungskontext wahrzunehmen, und nicht nur auf der visuellen Ebene zu analysieren oder zu beschreiben.[3] Detlef Hoffmann setzte sich Mitte der 1990er Jahre in seinem einleitenden Artikel zu zwei Themenheften der Fotogeschichte zum Komplex "Fotografie und Lager" mit dem Quellenwert und der Beweiskraft von Fotos auseinander, die durch ihre Verwendung und die Versuche zur Vereindeutigung durch Text, Beschriftungen oder andere Bilder zu Illustrationen verkommen sind.[4]

Auf Sybil Milton beziehen sich auch die drei Autoren des Auschwitz-Albums Tal Bruttmann, Stefan Hördler und Christoph Kreutzmüller und setzen sich das Ziel, die Fotos „kritisch als historische Quelle zu lesen“ und „einen Beitrag zu einer verantwortungsvollen – d.h. weder ikonischen noch bloß illustrativen – Nutzung der fotografischen Quellen [zu] leisten.“ (S. 15) Zum Auschwitz-Album, das auch – aber seltener – nach der Auschwitz-Überlebenden als Lili Jacob- oder Lili-Meier-Album bezeichnet wird, liegen seit 1980 bereits sechs/sieben Editionen vor. Serge Klarsfeld, der in den 1970er Jahren den Verbleib des Albums recherchierte, konnte Lili Jacob, die inzwischen Lili Meier hieß, aufspüren und überzeugen, das Album, das für sie einen privaten Wert besaß, weil sie unter den fotografierten Menschen ihre Familienangehörigen und Dorfbewohner wiedererkannte, an die israelische Shoah-Gedenkstätte Yad Vashem zu übergeben. Im Vorwort dieser Ausgabe berichtet Klarsfeld noch einmal von seinen Recherchen. Das Auschwitz-Album, das im Original den Titel Umsiedlung der Juden aus Ungarn trägt, folgt visuell den Deportierten aus Ungarn von ihrer Ankunft und der Selektion an der Rampe in Auschwitz-Birkenau, dem Weg zu den Gaskammern und Krematorien, den zur Zwangsarbeit ausgewählten Männern und Frauen nach der Entlausung beim ersten Appell im Lager oder auf dem Weg zu den Baracken, und endet mit der Sortierung des Gepäcks in den Effektenlagern „Kanada I und II“. Die Fotos sind weltweit bekannt und werden seit den 1950er Jahren in Publikationen, Ausstellungen oder Dokumentationen zum Holocaust publiziert.

Trotz der zahlreichen Editionen und Aufsätze sind viele Fragen zu dem Album wegen fehlender Quellen nicht abschließend geklärt, z.B. die Frage nach dem Zweck des Albums, wie das Album von Auschwitz zum Fundort im KZ Mittelbau gelangte oder die Frage, wer von den beiden SS-Fotografen fotografierte, wer auf der Rampe bei der Selektion von der SS Dienst hatte oder ob es sich um einen oder mehrere Transporte handelt. In drei Teilen werden das Album und die einzelnen Fotografien unter die Lupe genommen. Der Entstehungskontext, wie ihn Sybil Milton einforderte, ist inzwischen weitgehend selbstverständlich. So wird im ersten Teil das Album nicht nur in die Geschichte der Verfolgung der ungarischen Juden im Herkunftsland und die Deportationen nach Auschwitz eingebettet, sondern auch in die Vorbereitungen baulicher und personeller Art in Auschwitz. Der Lebensweg von Lili Jacob, die das Album in Mittelbau fand und mitnahm, wird nachgezeichnet, und damit auch der Weg des Albums. Die Lebenswege der SS-Fotografen Bernhard Walter und Ernst Hofmann, beide keine gelernten Fotografen, werden dargestellt, die Arbeit des Erkennungsdienstes sowie die Hintergründe des Albums.

Dass es sich bei der Dokumentation um einen offiziellen Auftrag gehandelt hat, der als Leistungsnachweis über die „Ungarn-Aktion“ zum schriftlichen Bericht gedacht war, ist inzwischen allgemeiner Konsens. Bruttmann, Hördler und Kreutzmüller schließen sich dem an, meinen allerdings, belegen zu können, dass dieses Exemplar die private Ausfertigung von Bernhard Walter sei. Die Begründung sei etwas ausführlicher zitiert: „Das einfache, braun-beige Album aus festen Leinenstoff mit verstärkten Ecken aus Metall war in seiner Form durchaus handelsüblich. Ganz offenbar ist das überlieferte Exemplar eine private Ausfertigung. Für einen offiziellen – repräsentativen – Zweck ist es schlicht zu schäbig und zu schlecht verarbeitet. [...] Die Fotos wurden freihändig und teils nicht besonders sorgfältig eingeklebt. Hinzu kommen die große Anzahl sehr ähnlicher – und damit eigentlich redundanter – Fotos sowie mindestens eine Dublette. Das spricht gegen eine offizielle Masterkopie. Dem Anschein nach wurden für das vorliegende Album auch Reste – d.h. überzählige oder aussortierte Abzüge – verarbeitet. / [...] Schließlich erinnerte Lili Jacob, das Album nach der Befreiung in einer SS-Baracke unter einem Pyjama gefunden zu haben. Das deutet ebenfalls darauf hin, dass es sich im Privatbesitz eines SS-Mannes und nicht in einer offiziellen Registratur befand. Nun war Walter einer der beiden SS-Männer, die eine solche private Ausfertigung in ihrem Besitz gehabt haben könnten. Im Gegensatz zu Hofmann war er von Februar bis April 1945 nachweislich im KZ Mittelbau eingesetzt, wo das Album gefunden wurde. Es handelte sich somit vermutlich um sein persönliches Album.“ (S. 68)

Dagegen ist einzuwenden, dass erst nach 35 Jahren das Album Yad Vashem übergeben wurde. Bis dahin hatte Lili Jacob es vielen Menschen gezeigt, ihnen auch Fotos überlassen. Der Weg des Albums führte von Auschwitz nach Mittelbau, mit Lili Jacob zurück in ihre Heimat, von Prag in die USA, es lag im Frankfurter Auschwitz-Prozess vor, und so weiter. Bis 1980 ging es also durch viele Hände, die ihre Spuren hinterlassen haben. Dass ein Pyjama als Beleg für eine private Nutzung und Bernhard Walter als Eigentümer zugeordnet wird, erscheint mir zu spekulativ. B. Walter war nicht der einzige von Auschwitz versetzte SS-Mann, mit ihm wurden weitere SS-Führer und -Unterführer nach Mittelbau versetzt. (S. 47 und 62)

Ein Detail wurde dabei völlig übergangen und nicht erwähnt, die handschriftliche Widmung in der Innenseite des Albums: „Andenken / von Deinen / Lieben und Unvergeßlichen / und Treubleibender / Heinz“. Aufgrund dieser Widmung wurde lange vermutet, dass es sich um ein privates Album handele. Die Widmung, so vermutete schon 1980 Peter Hellman, hat sich offenbar aus einer vorherigen Nutzung erhalten und steht mit dem neuen Zweck in keiner Verbindung.[5] Für Hellmans Annahme spricht, dass im Sommer 1944 Fotopapiere und -kartons wie Alben bereits Mangelware waren. Nur mit Sondererlaubnis und auf Fürsprache waren für bestimmte repräsentative Zwecke diese Materialien noch beziehbar. Um eine Loseblattsammlung zu vermeiden, wurde ein Album aus den Effekten vom Inhalt bereinigt und der Einband neu genutzt. Bereits zu diesem Zeitpunkt waren Gebrauchsspuren auf dem Einband hinterlassen worden.

Im zweiten Teil der Publikation wird das Album mit seinen 56 Seiten und 192 Fotos, ohne Bindung und Lochung, komplett in Schwarz-Weiß reproduziert. Ebenso wurde darauf verzichtet, den Einband von außen und innen abzubilden. Warum die Autoren sich entschieden, den Stand des Albums zum Zeitpunkt der Übergabe von 1980 zu reproduzieren, „optisch zu entstauben und unvergilbt zu zeigen“, wird nicht weiter erläutert. (S. 16) Durch Recherchen von Serge Klarsfeld für eine neue französische Edition im Jahr 2005 konnten die sieben Dubletten in dieser 1980er Version – fast alle Repros von vorhandenen Fotos im Album – mittels Reproduktionen, die 1947 im Jüdischen Museum Prag angefertigt wurden, ausgetauscht bzw. entfernt werden. Diese Rekonstruktion und Annäherung an die ursprüngliche Fassung – bis auf vier fehlende Fotos – wird dem Leser vorenthalten.[6] Die ergänzten Fotografien werden in den Analysekapiteln einbezogen, aber ohne einen Hinweis darauf. Die Druckqualität der Albenseiten ist leider etwas flach, kontrastarm, in den Schwärzen gelegentlich ohne Zeichnung. Die Abbildungen der Einzelfotos haben dagegen eine bessere Qualität.

Auf den Albenseiten sind die Nummerierungen, die bei der Vorlage zum Frankfurter Auschwitz-Prozess mit dem Einverständnis von Lili Jacob angebracht wurden, gut lesbar. Die Autoren haben eine neue Nummerierung inklusive der Leerstellen vorgenommen. Eine Konkordanz ist im Anhang abgedruckt. Es ist etwas mühsam, wenn man sich die Einzelfotos mit der neuen Nummerierung im Kontext einer Albumseite anschauen will. Erst muss die Konkordanz im Anhang befragt werden, um dann im Mittelteil nach der Seite zu suchen. Da es keine Seitenzahlen oder andere bei der Suche erleichternde Hinweise gibt, weder in der Konkordanz noch zu den reproduzierten Albenseiten, ist das sehr umständlich und unübersichtlich.

Der dritte Teil des Buches widmet sich der Analyse, zunächst des Albums, der Arbeit und dem Akt des Fotografierens, den noch laufenden Bauarbeiten im Lager, der Dechiffrierung der Waggons, der Identifizierung des SS-Lagerpersonals und dem Ablauf der Selektionen. In einem weiteren Schritt wird versucht, die Fotos in ihrem Entstehungsprozess neu in „Mini-Serien“ zu sortieren. Akribisch werden Details in den Fotos erkannt und beschrieben. So konnten von den Autoren mindestens drei Transporte identifiziert werden, bislang nahm man an, dass es sich nur um einen Transport, den von Lili Jacob, handelte. Einzelne Personen in den wartenden Gruppen der Männer und Frauen werden in mehreren Fotos erkannt, eine Gruppe älterer Menschen, die bislang in dem kleinen Wäldchen vor der Gaskammer und Krematorium V verortet wurden, sind durch die Vergleiche der Fotos untereinander nun abseits der Rampe lokalisiert.

Viel Raum nimmt in dem Analyseteil der Versuch ein, die „Intention der Fotografen“ auf die Abläufe und Menschen zu rekonstruieren. (S. 16) Wichtig ist den Autoren eine möglichst „eindeutige“ Zuordnung der Fotos zu einem der beiden SS-Fotografen, Bernhard Walter oder Ernst Hofmann. Aufgrund von Zeitzeugenaussagen, Hofmann sei der „Außenfotograf“ gewesen und Walter habe an der Rampe fotografiert, werden die meisten Fotos einem der beiden entsprechend zugeschrieben: Alle Fotos an der Rampe sind von B. Walter, die anderen im weiteren Umkreis und im Gelände von E. Hofmann. Für Walter stellen sie ein künstlerisches und ästhetisches Interesse fest, mit eher schlagwortartigen Verweisen, während Hofmann eher Schnappschüsse mit mehreren Fotos in Folge macht. Dass sie parallel fotografiert haben werden, ist anzunehmen. Die Autoren werten den Auftrag zur Dokumentation der Ungarn-Transporte zudem als Auszeichnung für die Fotografen. (S. 137) Allerdings war es ihre allgemeine Aufgabe, die von Berlin angeforderten Fotos zu diversen Anordnungen im Lager anzufertigen. Das Fotografieren während des Besuches von Reichsführer-SS Himmler im Juli 1942 war für die beiden SS-Männer sicher eine größere Auszeichnung, sollten sie an diesem Tag fotografiert haben. Himmler nahm auf Reisen meistens zwei „Leibfotografen“ mit. Die Zuschreibung, dass alle in Auschwitz entstandenen Fotos auf die beiden Erkennungsdienstfotografen zurückzuführen sind, ist recht pauschal und müsste von Fall zu Fall noch einmal überprüft werden.

Zum Thema Gewalt in den Fotos schreiben Bruttmann, Hördler und Kreutzmüller, dass Gewalt in den Fotos präsent ist, auch wenn keine direkte physische Gewalt zu finden ist. Die beispielsweise in Ungarn ausgeübte gewaltsame Scherung der Bärte, durch Deutsche verübt an den orthodoxen Juden, ist im Foto gegenwärtig. (S. 148) Daher ist der Fotograf Augenzeuge des Verbrechens, auch wenn ein Verbrechen selbst nicht fotografiert wird. Das Ergebnis ihrer Analyse zur Intention bzw. zum Akt des Fotografierens ist wenig überraschend, eine „menschenverachtende Haltung“ inszenierte „die Ankommenden hohnlachend“. (S. 274) Unbestritten nehmen die Fotografen eine Perspektive der Machthabenden und Machtausübenden ein, dennoch erscheinen mir einige Interpretationen stark konstruiert, wenn sich die Gewaltausübung am Standort des Fotografen auf den Stufen des Krematoriums V festmacht, von wo aus er die „Opfer“ fotografierte. (S. 239/240) Eine kritische Selbstreflexion bei der Interpretation, ob nicht die Bedeutung der Bilder vielleicht im Auge der Betrachter entstanden ist, wäre stellenweise nötig gewesen. Während in der Täterforschung allgemein ein differenzierterer Blick auf die einzelnen Beteiligten im „Getriebe“ des Massenmords üblich geworden ist, scheint das für die Bildproduzenten, sei es Foto oder Film, noch nicht berücksichtigt zu werden.

Um nicht missverstanden zu werden, es geht mir nicht um eine Relativierung der Taten oder Exkulpation der Fotografen, es geht um eine differenziertere Betrachtung der Fotos und der Männer und Frauen hinter der Kamera. Dazu gehört auch, über den „Tellerrand“ zu schauen und vergleichend andere Fotos oder auch Filmstills einzubeziehen, gerade bei einem so sensiblen Thema. So wird in Dokumentationen oft ein Film vom Abtransport der niederländischen Juden aus dem Durchgangslager Westerbork eingesetzt, der im Auftrag des Lagerkommandanten von dem jüdischen Fotografen und Kameramann Rudolf Werner Breslauer aufgenommen wurde. Handelt es sich auch hier eindeutig um eine Täterperspektive? Oder ist die Sachlage komplexer?

Einige Identifizierungen von SS-Männern auf der Rampe, von denen die Gesichter manchmal kaum zu erkennen sind, scheinen mir fragwürdig. Anhand der Winkel und Abzeichen an den Uniformen oder der Körperhaltung werden Zuschreibungen vorgenommen, die wenig plausibel und nicht nachvollziehbar sind. Allgemein werden in diesem Kapitel viele Vermutungen angestellt, „vielleicht“, „wahrscheinlich“, „vermutlich“ oder „deutet darauf hin“ sind wohl die meistbenutzten Worte. Visuelle Quellen sind auf Interpretationen angewiesen, ohne Interpretation werden sie nicht zum Sprechen gebracht. Aber nicht alles ist heute noch rekonstruierbar, daher ist an manchen Stellen auch Mut zur Lücke erforderlich. Es haben sich nach dem Krieg viele Legenden um einzelne Fotos aufgebaut, die sich nur allmählich revidieren lassen, neue hinzuzufügen wäre der Sache nicht zuträglich. Auf die Schwierigkeit, die Personen in den Fotos der Niemann-Sammlung namentlich zu identifizieren, weist auch Martin Cüppers in der Einleitung zur Publikation Fotos aus Sobibor hin. Den Herausgebern war die Fachrichtung Lichtbildvergleiche beim Kriminaltechnischen Institut des Landeskriminalamts Baden-Württemberg in Stuttgart behilflich. Vermutungen konnten so korrigiert oder auch bestätigt werden, einiges blieb trotzdem ungeklärt.

Während das Auschwitz-Album inzwischen zu den „Ikonen des Holocaust“ zählt und Einzelfotos seit den 1950er Jahren bekannt sind, liegt mit der Publikation Fotos aus Sobibor ein neu entdecktes umfangreiches Konvolut zu den Tötungsstätten der „T4-Aktion“ und den Vernichtungslagern der „Aktion Reinhard“ vor.[7] Der Titel scheint etwas irreführend. Die Fotos aus Sobibor sind Bestandteil einer größeren Sammlung von Johann Niemann, die sich bis zur Übergabe an das USHMM in Washington D.C. im Besitz des Enkels befand.[8] Über einen Teilnehmer der Bildungsreisen, die das Bildungswerk Stanislaw Hantz e. V. (BSH) seit 1995 zu den Orten der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka durchführt, kam der Kontakt zum Enkel zustande. Das BSH nahm Kontakt zur Forschungsstelle Ludwigsburg an der Universität Stuttgart auf und gemeinsam entschieden sie, die Sammlung in einem gemeinsamen Buchprojekt öffentlich zu machen. Das gesamte Konvolut umfasst zwei Fotoalben, zusätzlich 361 Schwarz-Weiß-Fotografien und zahlreiche Briefe und Postkarten an seine Frau sowie persönliche Dokumente. Ein in Kunstleder gebundenes Album mit der Prägung „2. SS T.V. Brandenburg“ enthält Niemanns frühe Karrierestationen, das zweite, kleinere „Berlin“-Album dokumentiert einen „Betriebsausflug“ von Sobibor nach Berlin und Potsdam auf Einladung ihrer Vorgesetzten aus der Kanzlei des Führers.

In den zehn Textbeiträgen folgen die beteiligten Autoren dem Lebensweg und den Karrierestationen von Johann Niemann. Zwei biografische Artikel stellen seine Entwicklung von seiner Geburt als norddeutscher Bauernsohn bis zu seinem gewaltsamen Ende in Sobibor vor. Seine Karriere in der SA beginnt als Wachmann im KZ Esterwegen und KZ Sachsenhausen mit einer kurzen Unterbrechung zum Wachdienst auf der NS-Ordensburg Vogelsang in der Eifel. Von hier wird er in die Kanzlei des Führers versetzt, die die Patientenmorde im Rahmen der „Aktion T4“ organisiert. In drei Tötungsanstalten, von Grafeneck über Brandenburg nach Bernburg, arbeitete Niemann als „Brenner“ oder „Desinfektor“ bei der Verbrennung der Opfer. Nach Einstellung der „Euthanasie“, inzwischen befördert zum SS-Oberscharführer, wurde er mit weiteren „T4“-Kollegen zum Aufbau des „Versuchslagers“ Belzec im Osten Polens für die Ermordung von polnischen Juden versetzt.  Im Rahmen der Massenverbrechen der „Aktion Reinhard“ soll Niemann in Belzec „ausschließlich im Vergasungsbereich tätig“ gewesen sein. Zum Aufbau des Lagers Sobibor war er kurzzeitig abkommandiert. Einige Monate später wurde er dorthin versetzt und zum stellvertretenden Lagerkommandanten befördert. Hier soll er sich durch Prügelstrafen, Erschießungen und Grausamkeiten hervorgetan haben. Zuständig war er auch für die Ausbildung der „Trawniki-Männer“, mit denen ihn ein enges Dienstverhältnis verband, was etliche Fotos nahelegen.[9] Ein Beitrag widmet sich dem Album der „Berlin“-Reise mit Hintergründen zum Ablauf der Fahrt und zu den Mitreisenden. Im Zusammenhang mit den Fotos von Niemanns Beerdigung, die die Kanzlei des Führers seiner Frau zuschickte, befasst sich ein Beitrag mit den Vorbereitungen und der Durchführung des Aufstandes vom 14. Oktober 1943 in Sobibor. Niemann und weitere zehn SS-Männer und zwei Trawnikis wurden von den jüdischen Häftlingen getötet und vier Tage später auf dem deutschen Militärfriedhof nahe Chelm feierlich bestattet. Sobibor stellte nach dem Aufstand die Tätigkeit ein und wurde ab- und umgebaut.

Die recht umfangreichen Beiträge, die die Person Johann Niemann und die Geschichte seiner Dienstorte kontextualisieren, sind offenbar als unabhängige Artikel konzipiert, so dass es zu etlichen Wiederholungen untereinander und Überschneidungen mit den biografischen Texten kommt. Insbesondere bleiben die mehrmals ausführlichst beschriebenen Tötungsprozesse in den Mordstätten besonders haften. Im „Brandenburg“-Album befinden sich viele Aufnahmen der Ehefrau Henriette Niemann. Ein Text befasst sich mit ihrer Person, ihrer Entwicklung und Persönlichkeit, Mitwisserschaft und eventueller Mittäterschaft. Sie besucht ihren Mann in Bernburg, macht mit ihm 1941 Urlaub am Attersee, wo die Kanzlei des Führers ein Erholungsheim für das „T4“-Personal unterhält. Nach dem Tod von Johann Niemann wird sie im Sommer 1944 erneut zu einem Erholungsurlaub dorthin eingeladen. Auch im Album der „Berlin“-Reise ist sie unter der Reisegruppe zu sehen. Die Fotos von Henriette Niemann finden im Text zwar wenig Berücksichtigung, dennoch ist dies ein wichtiger Beitrag zur Beteiligung der Ehefrauen, die nicht nur Frauen und alleinerziehende Mütter, sondern auch Profiteurinnen waren. Henriette Niemann verwaltete das geraubte Geld der jüdischen Opfer, das ihr Mann ihr zuschickte, und verteilte es auf diverse Sparbücher.

Ein Gespräch von Anne Lepper mit Semion Rozenfeld, der im Herbst 1943 mit einem Transport aus Minsk nach Sobibor kam und aktiv an der Aufstandsplanung beteiligt war, konnte noch 2017 zu den Fotos geführt werden, er starb 2019. Seine Erlebnisse und Erfahrungen fließen in die Sobibor-Beiträge ein. Die Aufzeichnung des Gesprächs bricht damit abschließend die Perspektive der Täter auf. Fotos aus dem Konvolut sind den thematischen Textbeiträgen jeweils nachgestellt, auf die im Text hingewiesen wurde. Gelegentlich gibt es am Schluss eines Beitrags einen Absatz zu den Fotos. In den Bildlegenden wird kurz beschrieben, was oder wer wann und wo abgebildet ist. Die Qualität der farbig gedruckten Bilder ist insgesamt ausgezeichnet. Schade ist nur, dass die Seiten des „2. SS-T.V. Brandenburg“-Albums am Ende des Buches so klein ausfallen. Aus dem Text erfährt man, dass es Bildunterschriften zu den Aufnahmen gibt. Diese sind aber wegen der Größe, dazu noch mit Kugelschreiber auf braunem Karton geschrieben, kaum zu sehen und zu entziffern.

Das „Berlin“-Album ist einem einzigen Betriebsausflug auf Einladung der Kanzlei des Führers für besondere Verdienste mit zwei SS-Kameraden und 22 „Trawnikis“ gewidmet. Es folgt nicht streng chronologisch dem Reiseverlauf, wie auch sein Karrierealbum nicht chronologisch sortiert ist. Es spiegelt darin wohl eine Eigenart seines Besitzers. Die umfangreichste Bildsammlung zu einem Ort sind die 62 Fotografien mit 50 unterschiedlichen Motiven zu Sobibor, die nicht in das Album integriert, sondern lose aufbewahrt wurden. Mit den Niemann-Fotos wird Sobibor zu dem am besten dokumentierten Lager der „Aktion Reinhard“. Bislang waren nur zwei Fotos bekannt. Die Berichte der Zeitzeugen von der Ankunft und den Häusern, die sie als Erstes sahen, sind nun konkret geworden. Ein kleiner Teil der Fotos zeigt die „Trawniki“-Männer, ein Drittel gibt Aufschluss zur Lagertopografie in unterschiedlichen Bauphasen. Die Überblicksfotos über das Vorlager und das Lager I mit den Werkstätten und der Küche sowie das Foto des Eingangstors, das bislang nur aus Beschreibungen bekannt war, sind daher von besonderer Bedeutung. Aufnahmen vom „Erbhof“ und der lagereigenen Landwirtschaft waren Niemann offenbar aufgrund seiner Herkunft wichtig. Fotos von den Verbrechen oder den Opfern sind nicht vorhanden. Das Fotografierverbot tat hier offenbar seine Wirkung. Motive von Kameradschaft, in der Freizeit und geselliges Beisammensein – oft mit Niemann im Zentrum – bestimmen die Hälfte der Fotos. Auf einigen posiert Niemann oder er steht an exponierten Orten. Die Fotos sind auf seinen Wunsch hin entstanden, er bestellte die Abzüge bei seinen fotografierenden Kollegen, von denen zwei ausgebildete Fotografen und ein „T4“-Fotograf zum SS-Personal gehörten. Seine Inszenierung zu Pferd aus Untersicht auf der Rampe von Sobibor sticht als eine professionelle Aufnahme hervor.

Für die Täterforschung ist dieses Niemann-Konvolut eine einzigartige visuelle Quelle. Zum einen ist es noch im Originalzustand von 1943 überliefert, andere Alben wurden von ihren Besitzern nach dem Krieg bereinigt. Zum anderen zeigt es die Entwicklung eines Malergesellen, der in einer militärähnlichen Formation „aufwuchs“ und bei dem von Station zu Station der Tötungsprozess zur „Gewohnheit“ wurde. Nach dem Krieg gaben einige „Trawniki-Männer“, die in Belzec und Sobibor die Tötungsarbeit ausführten, an, dass eine „verheerende Routine“, eine „Art gewohnter Tätigkeit“ und „eintönige Beschäftigung“ einsetzte, ein „Vorgang, der zum täglichen Leben gehörte und deswegen keine besondere Bedeutung mehr hatte.“ (S. 201). Von der „T4-Aktion“ bis zur „Aktion Reinhard“ war eine Gemeinschaft, ein „Kameradschaftsbund“ mit gleichem Erfahrungshorizont entstanden, der die Männer von Ort zu Ort mehr und mehr zusammenschweißte. „Belohnt“ wurden sie mit zunehmender Machtfülle und mit Privilegien, die sich auch in Niemanns Fotos widerspiegeln. Über den Aspekt des „Gewöhnungseffektes“ wäre auch noch einmal im Zusammenhang mit den Fotografen und dem Akt des Fotografierens in den Konzentrationslagern nachzudenken.

Die Herausgeber der Niemann-Fotosammlung und -Alben wollen diesen fotografischen Nachlass eines SS-Mannes, der in der Tötungsmaschinerie Karriere gemacht hat, für die Öffentlichkeit und zur weiteren Bearbeitung zugänglich machen. Sie erheben nicht den Anspruch auf Vollständigkeit oder ultimative Deutungshoheit der Fotografien und sind mit Interpretationen zu den Fotos dementsprechend zurückhaltend, bleiben eher auf der beschreibenden Ebene. Sie ordnen die Aufnahmen zeitlich und topografisch ein, was jede weitere Bearbeitung dieses einzigartigen Bestandes aus einem Vernichtungslager unterstützt und die künftige Forschung in eine gute Ausgangslage versetzt.

Die Publikation zum Auschwitz-Album hat seine Stärke vor allem in der akribischen Beschreibung der einzelnen Fotos, abgesehen von den gelegentlich emotional geleiteten Interpretationen. Die Dechiffrierung der Waggon-Aufschriften oder über die mit ins Bild geratenen Bauarbeiten zeigen, wie wichtig eine Detailanalyse für die Einordnung der Fotos in Zeit und Raum sein kann. Einige der offenen Fragen konnten geklärt werden, andere werden weiterhin offenbleiben. Eine Analyse des ästhetischen Umfelds steht für das Auschwitz-Album wie für die Alben und Fotografien von Johann Niemann noch aus. Gewidmet sind beide Bände den Widerständigen. Durch die akribische Bildanalyse konnten unter den Deportierten auf der Rampe drei Frauen und ein Junge entdeckt werden, die dem Fotografen die Zunge raussteckten. Ihre Fotos sind dem Band vorangestellt. Die Herausgeber der Niemann-Sammlung widmen ihren Band „den Gefangenen von Sobibor, die am 14. Oktober 1943 ihre Freiheit erkämpften, und den Hunderttausenden [...], die das Handeln [... der Täter] nicht überlebt haben.“ (S. 26)

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[1] Vgl. hierzu ausführlicher Frank Bajohr: Von der Täterforschung zur Debatte um die „Volksgemeinschaft“. Anmerkungen zur Historiographie der NS-Zeit seit den 1990er Jahren, in: Zeitgeschichte in Hamburg2010, Hamburg 2011, S. 55-68, ders.: Nach dem Zivilisationsbruch. Stand und Perspektiven der Holocaustforschung, in: Aus Politik und Zeitgeschichte, 4-5/2020, S. 25-30.

[2] Dieter Reifarth/Viktoria Schmidt-Linsenhoff: Die Kamera der Täter, in: Fotogeschichte. Heft 3, 1983, S. 57-71.

[3] Vgl. Sybil Milton: Argument oder Illusion. Die Bedeutung von Fotodokumenten als Quelle, in: Fotogeschichte, Heft 28, 1988, S. 61-90.

[4] Vgl. Detlef Hoffmann: Fotografierte Lager. Überlegungen zu einer Fotogeschichte deutscher Konzentrationslager, in: Fotogeschichte, Heft 54, 1994, S. 3-20.

[5] Vgl. The Auschwitz-Album: A Book Based Upon an Album Discovered by a Concentration Camp Survivor, Lili Meier, Text von Peter Hellman, New York 1981.

[6] Die Reproduktion des Albums ist in dem französischen Band inklusive des Einbands mit Innen- und Außenseiten, des Falzes und der Lochung nahezu größenidentisch im Farbdruck wiedergegeben. Stock- und Schmutzflecken sowie Gebrauchsspuren sind gut zu erkennen. Fondation pour la Mémoire de la Shoah (Hg.): L’Album d’Auschwitz, durchgesehen von Serge Klarsfeld, Romainville/Paris 2005 und 2015 mit einem Vorwort von Najat Vaullaud-Belkacem und David de Rothschild.

[7] Die Bezeichnung „Aktion T4“ ist nach 1945 für das „Euthanasieprogramm“, die systematische Ermordung von kranken und geistig oder körperlich behinderten Menschen, gebräuchlich geworden. „T4“ bezeichnet den Sitz der Dienststelle in der Berliner Tiergartenstraße 4. Als „Aktion Reinhard“ wird die systematische Ermordung der polnischen Juden im Generalgouvernement bezeichnet, bei der zwischen März 1942 und Oktober 1943 mehr als 1,3 Millionen Menschen in den Vernichtungslagern Belzec, Sobibor und Treblinka ermordet wurden. Unter den Opfern befanden sich auch Roma und nicht-jüdische Polen.

[8] Inzwischen sind die Alben mit Dokumenten, Briefen, Notizbüchern, Postkarten an das US Holocaust Memorial Museum (USHMM) übergeben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Unter „Sobibor perpetrator collection“ ist die Niemann-Sammlung zu finden unter: https://collections.ushmm.org/search/?utf8=✓&_ga=2.191760234.1302206000.1611613864-214325176.1611613864&q=Niemann+sobibor&search_field=all_fields (Zugriff: 20.5.2021).

[9] „Trawnikis“, benannt nach ihrem Ausbildungslager, stammten meist aus der Sowjetunion und halfen den Deutschen in den Vernichtungslagern bei der Bewachung und bei dem Mordprozess.