Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Gerhard Zeillinger

Der rasende Bildreporter

Matthias Marschik, Michaela Pfundner: Wiener Bilder. Fotografien von Lothar Rübelt. Wien: Edition Winkler-Hermaden, 2020, 160 S., 22,5 x 24,5 cm, 240 Abb. in S/W, 34,90 Euro.

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 160, 2021

 

Der Wiener Lothar Rübelt (1901–1990) war zweifellos einer der bedeutendsten österreichischen Pressefotografen und so etwas wie ein „rasender Reporter“, der – bei zunehmender Nachfrage – mit der Kamera festhielt, was gesellschaftlich relevant schien: Augenblicke aus Politik und Sport, Theater, Film, Mode, aber genauso Alltagsbilder. Stets war er im richtigen Moment dabei und ließ Bilder entstehen, die nicht nur ästhetisch beeindrucken, die vor allem berichten und Zeitgeschichte erzählen.

Der Anfang seiner beruflichen Tätigkeit fällt mit dem Beginn der Bildreportage und dem Aufkommen der Illustrierten in der Zwischenkriegszeit zusammen. Fotos sollten nicht mehr bloß die Zeitungstexte bebildern, sondern neue Qualitäten schaffen: Hinter dem abgebildeten Augenblick sollten Zusammenhänge sichtbar und Problematiken bewusst gemacht werden. Moderne Technik – eine Kleinbildkamera mit kürzeren Belichtungszeiten – ermöglichte es ihm, auch flüchtige Momente festzuhalten und so zu einer neuen Bildsprache zu gelangen. Sein Interesse für Sport (er selbst war Leichtathlet und Motorsportler) mag hier hilfreich gewesen sein, die Sport-Bildberichterstattung war sein Spezialgebiet. Da er nicht nur mit einer leistungsfähigen, relativ leichten Sportkamera ausgestattet, sondern mit dem Motorrad unterwegs war, hatte er der Konkurrenz einiges voraus, er war einfach schneller, seine Aufnahmen gelangten früher in die Redaktionen als die anderer Pressefotografen. Und er wurde zum Meister „bewegter Bilder“.

Das erste professionelle Sportfoto stammt aus dem Jahr 1919 und zeigt den Wiener Leichtathleten Uli Lederer, der gerade die Hochsprunglatte überwindet (Abb. 1). Die kühne Körperbeherrschung, das Kraftpotenzial im Gesichtsausdruck – Rübelt verstand es, den richtigen Augenblick ‚einzufangen‘, so setzte er Turmspringer, Eiskunstläuferinnen, Boxer, Fußballer oder Tennisspieler ins Bild. Und er dokumentierte auch das Umfeld, etwa die „Männerkultur“, die zum Sport gehörte: Auf einem Foto sieht man, wie sich männliche Besucher eines Sportwettkampfs zwischendurch im Freiluftpissoir an einem Bretterzaun erleichtern. Das zeigt schon eindrücklich sein Talent für Alltagsszenen: Menschen am Bahnhof oder Vertreter der Upperclass, die sich stolz in ihren Automobilen präsentieren, chic gekleidete Damen, die vor dem Grand Hotel noble Eleganz versprühen … Von der Körperhaltung bis zum Gesichtsausdruck hält Rübelt etwas fest, was es nur in diesem Augenblick so gibt. 1931 legt die deutsche Rekordfliegerin Elly Beinhorn einen Zwischenstopp auf dem Flugfeld in Aspern ein, sie befindet sich auf dem Rückflug von Afrika, stolz genießt sie das Interesse der umstehenden Männer, gekonnt lächelt sie aus dem Bild – sie ist sich des Medienereignisses mehr als bewusst. Zunehmend machte Rübelt auch Reisereportagen, saß mit seiner Leica-Kleinbildkamera im Gerichtssaal und war zugegen, wenn auf der Straße die Öffentlichkeit politisiert wurde: der Justizpalastbrand 1927, der 1. Mai im Roten Wien, Heimwehr- und Schutzbund-Aufmärsche oder 1932, als SA-Männer mit nacktem Oberkörper über den Ring marschierten, um gegen das Uniformverbot zu demonstrieren.

Jahrzehntelang hat Lothar Rübelt vor allem das Wiener Gesellschaftsleben durch alle Schichten dokumentiert, und gerade hier haben die beiden Autoren Matthias Marschik und Michaela Pfundner eine bemerkenswerte, vielschichtige Auswahl von Bildern aus den 1920er- bis 1970er-Jahren getroffen. Man sieht Schneeräumer, die Straßenbahnschienen freischaufeln, Marktfrauen, Motorradmechaniker in einer Werkshalle oder vor der Staatsoper einen eleganten Herrn im Anzug vor einem Schuhputzer, Ausflugsgesellschaften im Prater, Sonnenhungrige im Strombad am Schwedenplatz, Kirtag in Wien-Mauer oder einen kuriosen Wettbewerb im Jahr 1932, bei dem die schwerste Wienerin oder der kleinste Mann ermittelt wurden. Eindrücklich hat Rübelt in Bildreportagen auch die Armut in den Zwanziger- und Dreißigerjahren festgehalten: Hilfsmissionen, eine Ausspeisung im 1. Bezirk oder der Blick in ein Elendsquartier. Fast zeitgleich entstehen Bilder von einer Miss-Wahl, von Badevergnügen samt kleinem Flirt an der Donau, von Sonntagsgästen im Café vor dem Kursalon Hübner oder Genrebilder vom Heurigen oder einer Tanzschule.

Die Spannungskraft seiner Bilder zeigt sich auch in der Dokumentation des Kulturlebens: Revuen im Ronacher, Richard Strauss im Musikverein 1944 oder zehn Jahre später Lionel Hampton im Konzerthaus. Auch bei Dreharbeiten erfolgreicher Wien-Filme (etwa 1948 „Der Engel mit der Posaune“) ist Rübelt mit seiner Kamera zugegen, seine Bildreportagen überliefern bereits auch die ersten Homestorys in Wien: Das Vorzeigepaar des österreichischen Films, Paula Wessely und Attila Hörbiger, wird sogar zweimal porträtiert. 1940 dokumentiert Rübelt, wie Paula Wessely das Radfahren lernt, neben ihr her läuft Attila Hörbiger, zur Sicherheit hält er das Rad am Gepäckträger fest. 1949 sieht man die Wessely bei der Obsternte im Grinzinger Garten, da war die NS-Zeit schon wieder vergessen, Idylle war angesagt. Dennoch lässt sich auf Rübelts Bildern nichts ‚Anpasslerisches‘ finden. Vor dem Krieg belieferte er sozialdemokratische Blätter ebenso wie Nazi-Printmedien. Er hat offenbar nach allen Richtungen fotografiert. Fotos von aufsehenerregenden Gerichtsprozessen gingen sogar durch die Weltpresse. Ab 1935 arbeitete er für die Berliner Illustrirte Zeitung, und bei den Olympischen Sommerspielen in Berlin 1936 wurde er sogar offizieller Bildberichterstatter – Durchbruch und Höhepunkt in seiner fotografischen Laufbahn.

Da es in diesem Buch um Wiener Bilder geht, bleibt jener Teil von Rübelts Karriere ausgeblendet, den er dem NS-Regime zu verdanken hat. Rübelt bekam nicht nur den Auftrag, den Propagandaauftritt Hitlers in Graz Anfang April 1938 entsprechend ins Bild zu setzen, er war mehrfach Bildberichter von Propagandakompanien: 1938 im Sudetenland, im Jahr darauf beim Polenfeldzug, später war er Kriegsberichterstatter der Organisation Todt und auch in Russland im Einsatz. Hier werden die Grenzen zwischen dokumentierender Fotografie und dem Bild als Propagandamittel fließend. Doch solche Bilder findet man im Buch nicht. Geradezu bezeichnend ist eine Fotografie Anfang der 1930er-Jahre, auf der man Bewohner eines Hauses neugierig und beeindruckt aus den Fenstern blicken sieht (Abb. 2). Über die Fenster der Hochparterrewohnung ist groß eine Fahne mit den drei Pfeilen der Sozialdemokratie gespannt, im Stock darüber eine ebenso große mit dem Hakenkreuz.

Rübelt hat fotografiert, was er gesehen hat, scheinbar ohne politische Richtung, könnte man meinen. Trotzdem besagt uns seine Biografie, dass auch er die Gunst der Stunde nutzen wollte, allerdings wurde sein Antrag auf Aufnahme in die NSDAP negativ beschieden, weil er den Nachweis seiner ‚arischen‘ Abstammung nicht zu 100 Prozent erbringen konnte. Mehr Erfolg hatte er bei der ‚Arisierung‘ des Wienzeile-Kinos, wo er seit 1934 Mitbesitzer war: 1938 bekam er die Besitzanteile einer jüdischen Mitgesellschafterin zugesprochen. Wie sehr Rübelts politische Einstellung sein fotografisches Werk aus dieser Zeit dann doch überschattet hat, wird in diesem Buch nicht groß thematisiert und schon gar nicht mit Fotos dokumentiert. Die beiden Autoren legen uns Bilder vor, von denen keines den Anschein macht, dass sich der Fotograf später dafür hätte genieren müssen. Ob das auch auf den gesamten Nachlass (im Bildarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek) zutrifft, lässt sich daraus nicht erschließen. Lediglich drei Bilder vom „Anschluss“ finden sich im Buch, mit erkennbarer NS-Sympathie – aber die ist auch der damaligen Stimmung geschuldet, der Fotograf brauchte nur festzuhalten, was andere inszenierten, so wird auch Propaganda zum objektiven Zeitdokument. Erst jüngste Forschungen haben ergeben, dass Rübelt nicht nur oberflächlich mit dem NS-System vernetzt war und die medialen Wünsche des Regimes zu erfüllen wusste, manchmal hat er auch die Texte zu seinen Bildern selbst verfasst und darin eindeutig seine Gesinnung bekundet.

Nach 1945 ging Rübelts Karriere erfolgreich weiter, er arbeitete u. a. für Stern und Quick, berichtete von Olympischen Spielen in London, St. Moritz und Innsbruck oder begleitete Bundeskanzler Raab auf Staatsbesuchen nach Rom, Moskau und in die USA. Den Schritt in die nächste Moderne der Bildreportage machte er jedoch nicht mehr mit: War er nach dem Ersten Weltkrieg noch der Konkurrenz mit seiner Kleinbildkamera voraus, so versagte er sich später der Farbfotografie, ohne die keine Illustrierte mehr auskam. Lediglich drei Farbfotos kann man im Buch finden, aufgenommen um 1960. Sie haben eindeutig nicht den Reiz seiner früheren Schwarzweiß-Bilder, deren Ästhetik er verpflichtet bleiben wollte.