Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Lukas Meissel

Der Täterblick

SS-Bildproduktion in nationalsozialistischen Konzentrationslagern

Dissertation „The Perpetrator’s Gaze: SS Photographs taken at Concentration Camps“, Universität Haifa, Weiss-Livnat International Center for Holocaust Research and Education/Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (VWI), Betreuer: Prof. Dr. Amos Morris Reich und Dr. Ofer Ashkenazi, Beginn: Oktober 2016, Kontakt: lmeissel(at)campus.haifa.ac.il

 

Erschienen in: Fotogeschichte, Heft 150, 2021

 

In nationalsozialistischen Konzentrationslagern waren sogenannte Erkennungsdienste für die lagerinterne Bildproduktion zuständig. Der Begriff „Erkennungsdienst“ bezieht sich auf Polizeieinrichtungen zur Identifikation, Kategorisierung und Registrierung von Verdächtigen bzw. VerbrecherInnen. Diese Institutionen wurden im 19. Jahrhundert im Rahmen der Verwissenschaftlichung von Polizeiarbeit entwickelt.[1] In Konzentrationslagern waren diese Abteilungen für die Erstellung von Fotografien für die Lagerverwaltungen, höhere SS-Institutionen und SS-Angehörige verantwortlich. Die Erkennungsdienste erstellten Porträtaufnahmen von Deportierten, Fotos von Zwangsarbeit, Baustellen und Gebäuden in den Lagern, Bilder von Leichen ermordeter Häftlinge, von Veranstaltungen wie Zeremonien oder Besuchen von Delegationen sowie private Fotos von SS-Männern.

Die überlieferten Fotobestände der Erkennungsdienste stellen einzigartige Quellen zur Geschichte der Konzentrationslager dar.[2] Die Aufnahmen sind dabei in erster Linie Dokumente der Täter und können als visuelle Erzählungen dieser von ihren Lagern gedeutet werden. Die Fotografien zeigen, wie die Konzentrationslager zu funktionieren hatten, sie repräsentieren somit einen – aus Sicht der SS – Idealzustand. Demnach sind sie weniger als Quellen der Lagerrealität zu interpretieren, sondern als Ausdruck der ideologischen und praktischen Vorstellungen der Täter des Konzentrationslagersystems, die in dieser Form kaum in schriftlichen Dokumenten überliefert sind.

Die Fotografen der Erkennungsdienste, die ihre Bilder nach standardisierten Vorgaben von höheren Stellen aufnahmen, verweisen in ihren Aufnahmen direkt oder indirekt auf gängige fotografische Genres, zum Beispiel Polizeifotografie, Tatortfotografie, Industriefotografie, anthropometrische Fotografie oder Kriegsfotografie. Fotoanalytisch lassen sich diese Genres entschlüsseln, indem ausgewählte Einzelfotos und Bilderserien mit Fokus auf die Bildgestaltung, die Perspektive der/s FotografIn und die Ästhetik der Bilder untersucht und mit zeitgenössischer Fotografie verglichen wird. In erster Linie deskriptive Vorstudien im Rahmen meiner Masterarbeit dienen als Grundlage dieser vertiefenden Fotoanalyse.[3]

In der letzten Phase der NS-Herrschaft zerstörten SS-Männer eine große Anzahl von Bildern aus den Erkennungsdiensten. Viele Fotos konnten jedoch gerettet werden: Häftlinge versteckten Fotos in den Lagern oder erwarben sie nach der Befreiung, einige Bilder wurden von alliierten Soldaten gefunden, andere wurden für Archive oder Nachkriegsprozesse gesammelt. Fotografien aus sechs Konzentrationslagern stehen im Zentrum des vorliegenden Promotionsprojektes. Diese Lager repräsentieren einerseits chronologisch die Genese des Lagersystems und andererseits verschiedene Funktionen der Konzentrationslager, angefangen von der frühen Phase (Dachau), der Standardisierung der Lager (Buchenwald, Sachsenhausen), der Zeit nach dem „Anschluss“ und der frühen Kriegsphase (Mauthausen) und der Veränderung der Lager während des Krieges mit Schwerpunkten auf Zwangsarbeit und Massenmord (Groß-Rosen, Auschwitz-Birkenau).

Strukturell bilden Fragen nach der Funktion und Konstruktion von visuellen Narrativen den roten Faden der Studie, die sich schwerpunktmäßig in Teile zu „institutionalisierter Täterfotografie“, „visuellen Täternarrativen“ (insbesondere in Fotoalben) und fotografierter und nicht fotografierter Gewalt – unter dem Titel „Das Sichtbare und das Abwesende“ – gliedert. Die Fotografien werden dabei als Manifestationen des Blicks der Täter – des Perpetrators‘ Gaze, – also eines spezifischen Blicks auf die Lager, interpretiert. Sie verdeutlichen die Vorstellung der Täter von idealtypischen Konzentrationslagern, spiegeln demnach ein imaginiertes Bild wider, sind also mehr Ausdruck der ideologischen Ziele als der tatsächlichen Realität. Die Fotografien erfüllen jedoch auch Rollen über diese Visualisierungsfunktion und wurden konkret Teil der Verbrechen in den Konzentrationslagern indem sie als Legitimation der Taten der SS eingesetzt wurden: Sie wurden als Beweise für angebliche Fluchtversuche und Selbstmorde gestaltet, sie sollten die angeblich ausreichende Versorgung der Häftlinge dokumentieren und die Lager als Orte professioneller (Zwangs-)Arbeit zeigen .

Methodisch werden die SS-Fotografien nach Ulrike Pilarczyks und Ulrike Mietzners seriell-ikonografischer Fotoanalyse untersucht.[4] Diese Methode besteht aus zwei Hauptteilen: einer systematischen Quantifizierung von Fotoserien und qualitativen Analysen repräsentativer Bilder. Zunächst werden klar definierte Eckdaten von Fotoserien detailliert aufgelistet. Ziel ist es, die ikonografischen Inhalte aus den Fotografien selbst zusammenzustellen, um somit Hypothesen zu stellen, die an repräsentativen Fotografien getestet werden. Die Analyse dieser ausgewählten Bilder erfolgt in einem vierstufigen Modell: die präikonografische Beschreibung, die ikonografische Beschreibung, die ikonografische Interpretation und die ikonologische Interpretation. In einem abschließenden Schritt wird die Fotoanalyse durch Saul Friedländers Konzept einer "integrierten Geschichte" ergänzt: Visuelle Quellen und schriftliche Dokumente von Überlebenden und Opfern werden in der Analyse des Täterblickes prominent berücksichtigt.[5] Der theoretische Ansatz der Dissertation basiert auf Fragen nach der Position der Fotografien innerhalb ihrer "Demonstrationsökonomien" (economies of demonstration), also nach den Rollen dieser Bilder im komplexen Prozess ihrer Nutzung – nach Amos Morris-Reichs Verwendung dieses Ansatzes in seiner Studie zu Race and Photography.[6]

Historiografisch ist das Promotionsprojekt in die Tradition von Forschungsprojekten mit Schwerpunkt auf NS-Fotografie eingebunden, die insbesondere durch die grundlegenden Arbeiten von Sybil Milton in den 1980er Jahren initiiert wurden.[7] In den 1990er Jahren konzentrierte sich die Forschung zu Fotografien aus Konzentrationslagern vor allem auf die Rolle von Bildern in der Erinnerung an die NS-Verbrechen. Cornelia Brink[8]  und Habbo Knoch[9] legten zentrale Studien zu diesem Themenfeld vor, in denen sie sich hauptsächlich auf die Nachkriegszeit und die Nachwirkungen von Fotografien bezogen. Janina Struk verfasste eine wegweisende Analyse von Holocaust-Fotografien, die insbesondere für die Untersuchung von SS-Fotografie von großem Interesse ist, da sie sich eingehend damit befasst, wie die SS die Konzentrationslager der deutschen Öffentlichkeit präsentierte.[10] Weitere wichtige Studien mit Schwerpunkt auf Täterbildern wurden von Daniel Uziel[11] durchgeführt, sein Verständnis von Fotografien als konkretem Teil von Verbrechen ist auch für die Analyse der Erkennungsdienst-Fotos von großer Relevanz. Zu Fotografien der Erkennungsdienste und Lager-Fotografie der Täter hat in erster Linie Ute Wrocklage wichtige Beiträge verfasst und den Blick der Forschung auf die Bildproduktion in den Lagern geschärft.[12] Jüngste Arbeiten, die zumeist von AutorInnenteams durchgeführt wurden, konzentrierten sich auf vertiefende Fotoanalysen bestimmter Täteralben und leisteten wichtige Beiträge zur Etablierung von Fotografien als Quellen, weit über ihren illustrativen Charakter hinaus.[13]

Eine allgemeine Geschichte der Produktion von Fotografien in Konzentrationslagern ist jedoch weiterhin ein Forschungsdesideratum. Die hier vorgestellte Studie möchte diese Lücke schließen und den spezifischen Quellenwert von Fotos für die NS-Forschung unterstreichen. Visuelle Quellen sind nicht ausschließlich als Ergänzungen zu schriftlichen Dokumenten relevant, sondern können selbst geschichtswissenschaftliche Fragen aufwerfen und beantworten. Zum Beispiel sind Erkennungsdienstfotografien Ausdruck verwissenschaftlichter Polizeiarbeit, insbesondere die in den Fotostudios entwickelten Tatortfotos; sie verweisen also eindeutig auf das Selbstverständnis der Täter und ihre ideologischen Bestrebungen im Kontext eines modernen Polizeistaates. Fotoalben, die verschiedene Aspekte der Lager dokumentieren, sind repräsentative Berichte darüber, welche Rollen das jeweilige Lager erfüllen sollte. Und private Alben bieten einzigartige Einblicke in die Erzählungen der Täter über ihre Zeit in den Konzentrationslagern. Die vorgebliche Abwesenheit von Gewalt unterstreicht den paradoxen Wert fotografischer Quellen, die von Tätern geschaffen wurden, wie Francisco Boix, ein spanischer Überlebender, der gezwungen war, beim Mauthausener Erkennungsdienst zu arbeiten, in einer Nachkriegsaussage betonte: "Das war nur für die Fotografien, während es in Wirklichkeit ganz anders war."[14]

Die Aussage von Francisco Boix – hier auf einer Fotografie, die während der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen aufgenommen wurde und ihn als selbsternannten Kriegsberichterstatter zeigt (siehe Abb.) – über die fotografische Praxis der SS sowie seine zentrale Rolle in der Rettung der SS-Fotos und fotografischen Dokumentation während der Befreiung[15] unterstreicht die Bedeutung von Gegenerzählungen zu den in den Bildern eingravierten Tätergeschichten. Berichte von Überlebenden ermöglichen eine Einbeziehung dessen, was die SS nicht zeigen wollte, daher sind sie für das ultimative Ziel dieser Studie unerlässlich: den Blick der Täter zu brechen, der auf den SS-Fotos manifestiert ist und immer noch häufig unkritisch als Illustration der Lagerrealitäten reproduziert wird.

-----------------

[1] Siehe grundlegend: Jens Jäger: „Erkennungsdienstliche Behandlung. Zur Inszenierung polizeilicher Identifikationsmethoden um 1900“, in: Jürgen Martschukat, Steffen Patzold (Hg.): Geschichtswissenschaft und “performative turn”. Ritual, Inszenierung und Performanz vom Mittelalter bis zur Neuzeit, Köln, Weimar, Wien 2003.

[2] Ich möchte mich ganz herzlich bei Enric Garriga and Laura Fontcuberta (Amical de Mauthausen y otros campos y de todas las víctimas del nazismo de España) bedanken, dass sie mir erlaubten, Fotografien aus der Sammlung der Amical im Fotoarchiv der KZ-Gedenkstätte unentgeltlich in diesem Artikel zu verwenden.

[3] Die Masterarbeit wurde als Monografie und in gekürzter Fassung auf Englisch als Kapitel eines Sammelbandes publiziert: Lukas Meissel: Perpetrator Photography. The Pictures of the Erkennungsdienst at Mauthausen Concentration Camp, in: Hildegard Frübis, Clara Oberle, Agnieszka Pufelska: Fotografien aus den Lagern des NS-Regimes. Beweissicherung und ästhetische Praxis, Schriften des Centrums für jüdische Studien, Band 31, Graz 2018; Lukas Meissel: Mauthausen im Bild. Fotografien der Lager-SS. Entstehung – Motive – Deutungen, Wien 2019.

[4] Ulrike Pilarczyk, Ulrike Mietzner: Das reflektierte Bild. Die seriell-ikonografische Fotoanalyse in den Erziehungs- und Sozialwissenschaften, Bad Heilbrunn 2005.

[5] Saul Friedländer: Das Dritte Reich und die Juden. Verfolgung und Vernichtung 1933–1945, 2 Bde., Bonn 2006.

[6] Amos Morris-Reich: Race and Photography: Racial Photography as Scientific Evidence, 1876–1980, Chicago 2016.

[7] Sybil Milton: The Camera as Weapon. Documentary, Photography and the Holocaust, Simon Wiesenthal Annual 1, 1984, S. 45–68.

[8] Cornelia Brink: Ikonen der Vernichtung. Öffentlicher Gebrauch von Fotografien aus nationalsozialistischen Konzentrationslagern nach 1945, Berlin 1998.

[9] Habbo Knoch: Die Tat als Bild. Fotografien des Holocaust in der deutschen Erinnerungskultur, Hamburg 2001.

[10] Janina Struk: Photographing the Holocaust. Interpretations of the Evidence, London/New York 2004.

[11] Daniel Uziel: The Propaganda Warriors. The Wehrmacht and the Consolidation of the German Home Front, Bern 2008.

[12] Siehe etwa: Ute Wrocklage: Das SS-Fotoalbum des Frauen-Konzentrationslagers Ravensbrück, in: Simone Erpel (Hg.): Im Gefolge der SS: Aufseherinnen des Frauen-KZ Ravensbrück. Begleitband zur Ausstellung, Berlin 2011, S. 233–251.

[13] Christophe Busch, Robert Jan van Pelt, Stefan Hördler: Das Höcker-Album. Auschwitz durch die Linse der SS, Darmstadt 2016; Tal Bruttmann, Stefan Hördler, Christoph Kreutzmüller: Die fotografische Inszenierung des Verbrechens. Ein Album aus Auschwitz, Darmstadt 2019; Bildungswerk Stanisław Hantz e. V./Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart (Hg.): Fotos aus Sobibor Die Niemann-Sammlung zu Holocaust und Nationalsozialismus, Berlin 2020.

[14] Witness account Francisco Boix, Nuremberg Trial Proceedings Vol. 6, 45th Day, 29.1.1946, avalon.law.yale.edu/imt/01-29-46.asp (2.8.2018).

[15] Stephan Matyus: Die Befreiung von Mauthausen, die fotografische Perspektive eines Häftlings: Francisco Boix, in: Hildegard Frübis, Clara Oberle, Agnieszka Pufelska: Fotografien aus den Lagern des NS-Regimes. Beweissicherung und ästhetische Praxis, Schriften des Centrums für jüdische Studien, Band 31, Graz 2018, S. 159–178.