Beiträge zur Geschichte und Ästhetik der Fotografie

hg. von Dr. Anton Holzer

Irene Albers

Editorial, Heft 84, 2002: Das magische Auge der Kamera. Ethnologie der Fotografie

Mit der Rolle der Fotografie in der Ethnologie beschäftigt sich inzwischen eine kaum noch überschaubare Zahl von Publikationen. Das der noch jungen "Visual Anthropology" zuzurechnende Feld wird dominiert von Untersuchungen, die nach der "Politik" der fotografischen Repräsentation im kolonialen Kontext fragen. Die Fotografie erscheint hier primär als ein Medium der Aneignung und der Konstruktion fremder Kulturen, der Exotisierung und Kolonisierung des Anderen. Erst neuerdings sind auch indigene Medienpraktiken wie die Studiofotografie in Afrika (T. Wendl, H. Behrend, Snap me one. Studiofotografen in Afrika, München 1998) oder Indien (Chr. Pinney, Camera Indica: the Social Life of Indian Photographs, London 1997) in den Blick gerückt. Auch wenn sich hier an vieles – nicht zuletzt auch an das von Michael Wiener herausgegebene Themenheft "Ethnologie und Fotografie" der Fotogeschichte (Heft 71, 1999) – anknüpfen ließe, verweist der Untertitel dieses Themenheftes, "Ethnologie der Fotografie", bewußt auf einen anderen Ansatz. Es geht um die vielfältigen Verbindungen zwischen Fototheorie und Ethnologie. Denn in den Beiträgen des Heftes richtet sich die ethnologische Analyse auf das Medium selbst, um es mittels ihrer spezifischen Konzepte (Magie, Mimesis, Maske, "böser Blick", Fetisch, Geisterbeschwörung, etc.) neu zu definieren.

Was das heißt, zeigt sich in dem Beitrag von Heike Behrend, die den Umgang mit Fotos in Ostafrika in den Rahmen von Überlegungen zu Schadenszauber und Heilpraktiken stellt, nicht ohne hier auch einen Anschluss an "unsere" westliche Fototheorie und ihre primitivistische Inspiration zu sehen. In diesem Sinn wird in dem Beitrag von Erhard Schüttpelz die Verstrickung der Religionsethnologie von Edward Tylor in den zeitgnössischen Spiritismus und seiner Geisterfotografie sichtbar. Daraus ergeben sich – im Sinn einer "Ethnologie der Fotografie" – auch neue Perspektiven auf die fotografischen "Materialisierungen" der Spiritisten. Um eine Materialisierung von sozialen Situationen geht es hingegen im Beitrag von Clara Gallini. Es handelt sich um Auszüge aus ihrer Einleitung in den gemeinsam mit Francesco Faeta herausgegebenen Band künstlerischer Fotografien, die in den 50er Jahren bei Exkursionen des Ethnologen Ernesto de Martino nach Süditalien entstanden sind. Clara Gallini rekonstruiert den Entstehungszusammenhang dieser Bilder und die partiell "abergläubische" Wahrnehmung des Fotografiertwerdens insbesondere durch süditalienische Frauen – es entsteht ein faszinierendes, aber manchmal auch beklemmendes Bild der Produktion fotografischer Daten als Dokumente kultureller Überlagerungsprozesse.

Ähnlich versucht Thomas Hauschild, den Entstehungszusammenhang von Bildern zu klären, welche die Werke eines der bekanntesten Ethnologen des 20. Jahrhunderts begleiten: Bronislaw Malinowski, der mit seinen Feldstudien über die Trobriand-Insulaner das Fach revolutionierte. Allerdings ist hier bereits eine Vorgeschichte der fotogeschichtlichen Reinterpretation zu berücksichtigen, die einseitig, mit antikolonialer Stoßrichtung die von Malinowski intendierten Lektüren der Bilder übersieht und sogar in ihr Gegenteil verkehrt. Malinowskis Fotografien erscheinen im Zusammenspiel mit den Begleitkommentaren als kleine "Fallen", in denen Leser die ambivalente Erfahrung des Feldforschers nachvollziehen sollen. Am Beispiel der fotografischen Illustration von Michel Leiris" ethnografischem Reisetagebuch L"Afrique fantôme (1934) erschließen sich im Beitrag von Irene Albers die Fotografien als europäische Äquivalente der von dem Surrealisten und Ethnographen in Afrika untersuchten mimetischen Praktiken (Masken, Fetische und Geister). Auch hier hat die Fotografie ein Eigenleben, dass sich in kulturellen Hybriden entäußert, die zwischen indigenen religiösen Konzepten und Praktiken einerseits und andererseits europäischen Theorien und Techniken vermitteln.

Die Beiträge von Heike Behrend und Erhard Schüttpelz gehen auf die Tagung "Auge und Apparatur: Die Wahrnehmung der Fotografie" an der Universität Konstanz (November 1999) zurück.